„Mit digitalen Technologien lässt sich die Prozesssicherheit weiter erhöhen“

Jürgen Rothbauer im Interview

Viele Pharmaunternehmen haben das Thema Digitalisierung zunächst mit Skepsis verfolgt – gemäß dem Prinzip „Never change a running system“. Doch Jürgen Rothbauer, Geschäftsführer von Optima Pharma, sieht große Chancen in der Digitalisierung. Welche das sind und wie Optima Pharma diese nutzt und damit die Prozesssicherheit beim Anwender weiter steigert, erläutert er im Interview mit Redakteur Jan Deininger.

Herr Rothbauer, die Digitalisierung ist in aller Munde. Welche Bedeutung hat Sie aus Ihrem Blickwinkel für die Pharmaindustrie?

Die Digitalisierung ist mittlerweile ein elementarer Bestandteil für die Zukunft. Ohne Digitalisierung geht es nicht mehr. Wenn man als Unternehmen seinen eigenen Weg für die Digitalisierung findet – weg von der Theorie, hinein in die praktische Umsetzung – dann bietet sie einen hohen Mehrwert.


Wie hat die Digitalisierung die Pharmaindustrie verändert?

Die Pharmaindustrie stand dem Thema Digitalisierung bisher konservativ gegenüber. Dies änderte sich, nachdem die Unternehmen Cyberattacken abwehren und Produktionsausfälle hinnehmen mussten. Aufgrund der Veränderungen in der Medikamentenlandschaft mussten sich die Unternehmen außerdem zunehmend mit der Gesamtanlageneffektivität auseinandersetzen – Stichwort OEE (Anm.: Overall Equipment Efficiency) – was vorher nicht der Fall war.


Neben dem Thema Cyber Security ist immer wieder von Data Integrity zu hören. Würden Sie kurz erläutern, was mit den beiden Begriffen gemeint ist?

Datenintegrität bedeutet, dass Daten nur einmal und nicht mehrfach, unmanipulierbar und sicher gespeichert werden. Die Cyber Security hingegen umfasst alle Maßnahmen zum Schutz vor Cyberattacken auf die Produktion der Pharmaunternehmen.


Auf welche Cyber-Security-Maßnahmen setzt Optima Pharma?

Zunächst ist es wichtig, die Systeme in Abstimmung mit dem Kunden aufzubauen. Da die Netzwerkstrukturen bei unseren Kunden unterschiedlich sind, kommen mehrere Lösungsansätze zur Anwendung. Zunehmend kommen hier auch die IT-Experten des Anwenders ins Spiel, mit welchen wir unsere Lösungen abstimmen. Generell gilt dabei immer, dass Schnittstellen zwischen pharmazeutischen Unternehmen und Optima Pharma auf hohem Sicherheitsniveau abgesichert werden müssen.

Jürgen Rothbauer im Interview
„In digitalen Technologien sehen wir große Chancen für die Zukunft“
Jürgen Rothbauer, Geschäftsführer Optima Pharma

Die intelligente Maschinenbediener-Führung ist ein weiterer Schwerpunkt

Jürgen Rothbauer im Interview
Volles Verständnis zeigt Jürgen Rothbauer für die langwährende Skepsis der Pharmaunternehmen für den digitalen Wandel. Er zeigt auf, wie die Unternehmen bei dem Thema, das die Branche beherrscht –der Sicherheit–, von der Digitalisierung profitieren können

Die intelligente Maschinenbediener-Führung wird im Kontext der Digitalisierung immer wichtiger. Gibt es auch hier Lösungsansätze?

Die intelligente Maschinenbediener-Führung wird erforderlich, weil die Maschinen in der Pharmabranche komplexer werden. Aufgrund der veränderten Produktlandschaft kommen zunehmend mehr Container auf die Maschine, was nicht einfach zu handeln ist. Dazu kommt die Problematik der qualifizierten Mitarbeiter, die immer schwieriger zu bekommen sind.

Deshalb kommen bei Optima Pharma verschiedene Maßnahmen zur Anwendung. Dies können zum Beispiel Videotutorials sein, Support bei der Fehleranalyse oder Kameras, die Fehlerquellen übersichtlich auf dem HMI darstellen. Des Weiteren gibt es ein Menü, das die Bediener führt und ihnen die Fehlerbehebung erleichtert. Möglich ist außerdem eine Wissensdatenbank, in der mit einer Stichwortsuche die richtige Reaktion auf Fehler recherchiert werden kann.
Alle Maßnahmen, die den Bediener vor und während der Produktion unterstützen, haben wir unter dem Begriff „IPAS“ zusammengefasst. Mit IPAS – dem Intelligent Production Assistant System – wird der Operator während des Produktionsprozesses unterstützt und damit die Prozesssicherheit erhöht. Dabei geht es vor allem um die Störungsvermeidung und -beseitigung. Der Bediener soll die Maschine so rüsten können, dass ihm dabei keine Fehler unterlaufen. Wenn doch Fehler geschehen, soll die Maschine ihn darauf aufmerksam machen. IPAS ist – wie viele andere digitale Technologien von Optima – Teil des Life Cycle Managements Total Care.

Aus welchen Bestandteilen setzt sich IPAS zusammen?

Die „Smart Operator Guidance“ unterstützt Operator bei der Fehlerbehebung, beispielsweise mit Videotutorials auf dem HMI. Dies ist vor allem hilfreich für pharmazeutische Unternehmen, die noch nicht über erfahrenes und spezialisiertes Bedienpersonal verfügen. „Smart Failure Log“ unterstützt die Fehleranalyse, zum Beispiel mit einer Kameraüberwachung. „Smart Changeover“ bezeichnet die sichereren Formatwechsel durch das Überprüfen einzelner Formatteile – eine Funktion, welche die Prozesssicherheit massiv erhöht. Die „Digital Documentation“ unterstützt Operator mit technischen Informationen, um so schneller und effizienter Fehler beheben zu können.

Beim Management von Produktionsdaten setzt Optima auf OPAL



Immer kürzere Produktionszyklen erfordern eine effiziente Planung von Wartungsaufgaben. Gibt es digitale Lösungen, die hierbei unterstützen?

Es werden immer mehr Monitoring-Systeme in den Maschinen verbaut, um Verschleiße frühzeitig zu erkennen. Dazu zählen zum Beispiel die Überwachung der Antriebe auf Überhitzung und die korrekte Übertragung des Drehmoments oder auch Vibrationssensoren. So werden Bediener frühzeitig auf Schwachstellen aufmerksam und sie können Ersatzteile rechtzeitig bestellen und Wartungsintervalle einplanen.
 

Stichwort Big Data: Unternehmen sammeln riesige Mengen an Produktionsdaten. Wie lassen sich diese sinnvoll verwerten?

Beim Thema Big Data unterscheiden wir zwei Bereiche. Zum einen die produktionsrelevanten Daten und zum anderen die wartungsrelevanten Daten. Produktionsrelevant sind jene Onlinedaten, die kontinuierlich pro Container erhoben werden. Ein konkretes Beispiel: Jeder Stopfen einer Spritze wird vermessen. Überschreiten die Messwerte festgelegte Limits, justiert sich die Maschine selbst oder gibt einen Alarm. Daten werden also unmittelbar verwertet. Hier geht man sehr gezielt vor, um nur die prozessrelevanten Daten zu sammeln, die eine entsprechende Produktqualität garantieren. Diese Daten bilden die Basis für Batch Reports und Behördeninspektionen.
Was Wartungsdaten angeht, besteht noch eine große Unsicherheit, welche Datenarten und -mengen sinnvoll sind. Hier gilt es besonders, Datenmüll und unnötige Störungen zu vermeiden. Diese ergeben sich häufig aus einer großen Menge von Wartungssensoren. Die Zuverlässigkeit der Maschine soll sichergestellt bleiben.  
Jürgen Rothbauer im Interview

Gibt es vonseiten Optima bereits eine Lösung, um produktionsrelevante Daten sinnvoll zu managen?

Hier setzen wir ebenso wie die anderen Business Units von Optima auf die Linien-Management-Software OPAL. Sie zeichnet Produktionsdaten, unter anderem die Gesamtanlageneffektivität (OEE), auf und verbindet Daten der ERP-Ebene mit der Fertigungsebene. Darüber hinaus ist eine horizontale Vernetzung mehrerer Maschinen und Anlagenkomponenten in einer Linie sowie mehrerer Linien miteinander möglich. Anwender können komplexe Fertigungsprozesse damit besser und sicherer organisieren. OPAL ist wie viele andere digitale Technologien Teil von „Optima Total Care“. Dieses umfangreiche Dienstleistungsportfolio bietet Effizienz und Sicherheit über den gesamten Lebenszyklus der Optima Anlagen und wird weiter ausgebaut.


Das klingt, als sei Optima für den digitalen Wandel gut gerüstet. Was sind Ihre Ziele in diesem Bereich für Optima Pharma?

Das Ziel für Optima Pharma besteht darin, die vorhandenen Lösungen in die Maschinen zu integrieren und damit weiter Erfahrungen zu sammeln. Daraus wollen wir weitere Schlüsse für eine weitreichende Integration unserer digitalen Technologien ziehen. Es steckt eine enorme Entwicklungsarbeit dahinter und diese müssen wir zunächst sukzessive in die Projekte einbringen. Und natürlich müssen wir mit diesen Lösungen zunächst Vertrauen bei unseren Kunden aufbauen und Bedenken in die neuen Technologien im Laufe der Zeit abbauen. Generell sehen wir in den digitalen Lösungen große Chancen für die Zukunft.
 
Insbesondere für die Prozesssicherheit, die im Pharmabereich eine besonders große Rolle spielt, bringt die Digitalisierung große Chancen mit sich. Jeder Prozessschritt kann überwacht werden und die Maschine reagiert möglichst intelligent, ohne dass der Operator überhaupt eingreifen muss. In diesem selbstlernenden und selbstjustierenden Element liegt die Chance für unsere Kunden und natürlich auch für uns.



Vielen Dank für das Gespräch, Herr Rothbauer.

So nutzt Optima die Chancen der Digitalisierung

„In digitalen Technologien sehen wir große Chancen für die Zukunft“, sagt Jürgen Rothbauer, Geschäftsführer von Optima Pharma, im Interview. Maschinen, die intelligent reagieren, lernen und sich selbst justieren, helfen die Prozesssicherheit weiter zu erhöhen und Produktverluste weiter zu minimieren.

Die intelligente Maschinenbediener-Führung ist ein weiterer Schwerpunkt. Hier setzt das Unternehmen auf IPAS, ein intelligentes Produktionsassistenzsystem, mit dem sich Störungen vermeiden und beseitigen lassen.

Beim Management von Produktionsdaten unterstützt Optima Pharma seine Kunden mit der Linien-Management-Software OPAL, die Teil der Life Cycle Based Services von „Optima Total Care“ ist.

Jürgen Rothbauer im Interview
Im Interview nimmt sich Jürgen Rothbauer Zeit, die digitalen Strategien von Optima Pharma zu erläutern.

Dieser Bericht wird im Optima Magazin o-com pharma/life science 04 | 2018 erscheinen

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